Zeitzeugen zu Besuch

Eine ganz außergewöhnliche Geschichtsstunde durften am Mittwoch, den 5. Juni 2019, unsere Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 10 erleben. Mit Herrn Dr. Peter Schuntermann (1934), einem Psychiater aus Boston, der in Hamburg geboren wurde, und Karin Comar, ebenfalls eine gebürtige Hamburgerin (1936), waren gleich zwei Zeitzeugen des Nationalsozialismus zu Gast an der Schule.

Zeitzeugenbesuch
Die 10c mit Frau Comar und Herrn Dr. Schuntermann.

Zunächst erzählte Peter Schuntermann den Schülerinnen und Schülern aus seiner Kindheit in Hamburg. Aufgewachsen im Stadtteil Harvestehude, erlebte er in den Kriegsjahren, die seine Kindheit prägten, viele Bombenangriffe hautnah mit. Das Haus, in dem er mit seiner Familie seit 1938 eine recht großzügige und luxuriöse Wohnung bewohnte, blieb jedoch von den Bombeneinschlägen knapp verschont.  Auf Nachfrage der Schüler, ob man sich an das regelmäßige Bombardement gewöhnen könnte, stellte Peter Schuntermann klar, dass das unmöglich sei. Man habe versucht, die Fassade zu wahren, doch im Inneren sei die Angst ein stetiger Begleiter gewesen.

Da der Gast aus Boston einen Stadtteil bewohnte, in dem es eine recht große jüdische Gemeinde gab, wurde er natürlich auch gefragt, ob er etwas von der Deportation der Juden mitbekommen habe. Über das Verschwinden der jüdischen Bevölkerung habe, so Schuntermann, jeder Bürger Bescheid gewusst. Es herrschte aber eine kollektive Stimmung des Totschweigens. Man durfte und wollte nicht darüber reden.

Sein Vater, ein Medizinalrat und SA-Mann, der seine Karriere 1933 dem NS-Staat zu verdanken hatte, gehörte zu den Nutznießern des Systems, so Schuntermann. Zwar habe er es zeitlebens nie zugegeben, doch die große möblierte Wohnung, die 1938 bezogen wurde und großartige Spielsachen, die der Vater mit nach Hause gebracht habe, ließen den Schluss zu, dass die Familie sich unrechtmäßig am Eigentum deportierten Juden bereichert habe. Dies sei Schuntermann aber erst nach dem Tode seines Vaters in den 1960er-Jahren bewusst geworden.

Besonders bemerkenswert an diesen Schilderungen war auch, dass Herr Schuntermann und seine jüdische Begleiterin Karin Comar, die sich erst vor einigen Jahren in den USA kennengelernt hatten, ihre Kindheit in direkter Nachbarschaft verbrachten.

Besonders emotional wurde es daher, als Karin Comar das Wort ergriff. 

Frau Comar berichtete den Schülerinnen und Schülern von der Reichspogromnacht, die sie zwar nicht bewusst miterlebt habe, doch durch Berichte ihres Vaters nacherzählen konnte. Ein einflussreicher deutscher Freund der Familie habe ihren Vater glücklicherweise vor den Ausschreitungen gegen Juden im November 1938 gewarnt, so dass er die Nacht auf dem Motorrad verbracht habe, immer in Bewegung und daher für die Nazis nicht zu ergreifen. Dies habe ihn vor einer Deportation in ein KZ bewahrt. Durch heimliche Unterstützung dieses Freundes sei der Familie noch 1941 Emigration in die USA gelungen – auf den letzten Drücker, denn kurze Zeit später begannen die Deportationen nach Osten, wovon dennoch ein großer Teil der Verwandtschaft betroffen gewesen sei. In einer bewegenden Ansprache berichtete die Zeitzeugin den Schülerinnen und Schülern von 40 Familienangehörigen, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern umgebracht wurden. Vielen Verwandten sei aber noch die Emigration gelungen, so dass die Familie heute auf allen Kontinenten verteilt ist. Besonders bemerkenswert ist, dass Karin Comar sich stets ihrer deutschen Wurzeln bewusst ist und dies auch heute noch den Mitgliedern und Nachfahren ihrer Familie weitergibt. Mehrere Familientreffen in Hamburg zeugen von der Spurensuche nach den eigenen Wurzeln. Dabei habe die Familie zahlreiche Stolpersteine der eigenen Vorfahren und Verwandten entdeckt. Eine für alle Zuhörer bewegende Schlussbemerkung.